Hüllen los

 

Es gibt nackte und es gibt verhüllte Tatsachen. Die meisten mögen die Tatsache nackt, verlangen Ehrlichkeit und dass man uns zeigt, was sich zu Unrecht und oft zu unserem Schaden bedeckt hält.

 

Grosse Augen und grosse Mägen müssen wir haben, zu schauen und das Geschaute zu verdauen. Es gibt Leute, ich gehöre dazu, die fühlen sich den nackten Tatsachen nicht immer gewachsen. In schwachen Stunden sehnen sie sich nach Schonung vor dem Grausamen oder dem Erbärmlichen, das nur allzu oft zum Vorschein kommt.

 

Den nackten Tatsachen standzuhalten ist schwer. Und doch möchte man die Gewähr haben, sie sehen zu können. Ohne Schleier, ohne beschönigende Hüllen. Dass die Berichtenden der unumgängliche Filter sind, durch den die Tatsachen rinnen, dass Eigeninteresse, Engagement, eigene Haltung, die Tatsachen verändern, ist ebenfalls eine Tatsache. Aber da sind ja alles Spitzfindigkeiten. Tatsachen, Objektivität, Wahrheit, Lügen, Halbwahrheiten. Altmodische Zugänge, keineswegs auf der Höhe der Zeit, die relativ tief liegt, wenn man’s genau nimmt.

 

So tief wie das Niveau der Gier nach Aufregung. Das Leben, das übliche, das ist nämlich furchtbar langweilig. Und die Weltlage die immergleiche. Unerfreulich bis zum geht nicht mehr. Und weil nichts mehr geht, da könnte man doch immerhin die ganze Unerfreulichkeit etwas Ansprechender machen. Wegschauen, ausblenden, das ist alles nicht notwendig, man muss bloss die Tatsachen attraktiv und sexy machen. Wenn Sex Autos, Duschgels, Pralinen oder Kaugummis verkaufen kann, dann kann er auch Tatsachen verkaufen.

 

Und das geht so. Anstelle der immer gleich funktionierenden Tagesschau, bei der man die ModeratorInnen immer bloss versteckt hinter einem Pult zu sehen bekommt, gut gekleidet, nicht zu auffällig, dezent eben – die Bilder sind ja in der Regel drastisch genug – da findet jetzt zeitgleich zu den Tagesaktualitäten ein Enthüllung der ganz anderen Art statt. Nicht nur hinter die Tatsachen wird ein klärender Blick geworfen, sondern auch hinter die Kleider der Moderatorin. Mit jeder Nachricht fällt ein Kleidungsstück. Wäre das nicht wahnsinnig aufregend? Und es ist ja nicht damit getan, dass sich die Frauen ausziehen, nein, sie geben auch kritische Kommentare zum Weltgeschehen ab. Sie erklären uns etwa den schiitischen Widerstand im Irak und entledigen sich gleichzeitig des BH.

 

Seien sie ehrlich. Was ist ihnen lieber, nackte Brüste oder verkohlte Leichen? Also!

 

Natürlich stellt man sich unter nackten Tatsache etwas anderes vor. Aber das zeigt ja nur wie beschränkt unser Vorstellungsvermögen ist. Abgesehen davon: Das gibt es alles schon. In Kanada. 25 Millionen schauen sich dort inzwischen diesen „Enthüllungsjournalismus“ an. Die Briten sind dem Beispiel gefolgt, in der Schweiz sind Abklärungen im Gange.

 

Und wer jetzt die Welt nicht mehr versteht, hat etwas sehr wohl verstanden: dass er in einer anderen lebt.

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay