Gott? Ach Gott

 

Was soll man dazu noch sagen. Das ernsthafte Reden hat sich erschöpft, in ungezählte Widersprüche verwickelt oder ist bedeutungslos geworden; die wütende Kritik ist verstummt, ihr allmächtiger Gegner ist nicht mehr. Die Wunde Gott hat sich geschlossen, die hinterlassene Leere ist ohne Bedauern Normalität geworden, nur ab und zu ein Phantomschmerz, bei Unglück und Mangel. Da setzte man sich gerne noch einmal auf seinen Schoss. Aber da ist keiner, und auf die Schnelle zaubert man keinen Ersatz.

 

Nicht alle sehen das so – eine Erde nur, aber Tausende von Welten und nie sehen alle zur selben Zeit dasselbe. Wo für die einen eine Wüste ist, ist für andere ein Garten. Wo die Vertrauensvollen Himmel sagen und Erlösung und ewiges Leben, sagen die Vorsichtigen „Ich weiss nicht, irgendwie vielleicht schon, aber wahrscheinlich eher nicht“; die Selbstgewissen sind sich sicher, dass sie ohne all das auskommen. Schauen der Realität ins Gesicht, nüchtern, ohne zu erschrecken und die Augen niederzuschlagen. Sagen jetzt oder nie! Alles andere ist Feigheit vor dem Leben, das ist, wie es ist: Kurz und tödlich.

 

Was über Gott zu sagen ist, ist alles gesagt. Tausende Male gesagt. Und doch ist das, worum es geht, nicht tot zu reden. Nur das Reden selbst ist ab und zu tödlich. Auch damit hat es nie ein Ende, mit Gott, der Waffe, die töten hilft: Die Stolzen, die Spötter, die Ungläubigen, die Unreinen, die Respektlosen, die Freien. „Lieber Gott, bitte rette uns vor Leuten, die an dich glauben“ steht auf einem New Yorker Graffiti. Ein Satz so verquer wie die Welt, in der er um Gnade bittet. Aber auch das Wort Gnade, das nimmt Gott mit aus der Welt. Es ist ja nicht nur Gott, der verschwindet, er nimmt auch seine Worte mit, die wohlwollenden und die zerstörenden. Ihren Balsam und ihr Gift. Und dass es das Glück ist, das durch die offnen Stellen sickert, ist nicht gewiss.

 

Ach Gott. Man möchte nicht in seiner Haut stecken. Auch nicht in ihrer. Zu viel ist darauf geschrieben worden. Und doch haben die meisten nur in den Spiegel geschaut. Fast immer sich selbst gesehen – den hemmungslosen Wunsch nach Gelingen, die zu besänftigende Furcht vor Schmerz, das Verlangen nach Anerkennung – und dann vielleicht, ganz weit hinten, etwas, das verschwommen bleibt, ein Vibrieren nur, der Vorhang vor dem Rätsel, der sich ab und zu bewegt. Mehr ist vielleicht nicht zu sehen, nie. Und das Leben, das bleibt dem sich wundern überlassen. Über sich, über die Welt und das wäre nicht einmal das Schlechteste. Das sich wundern. Immerhin heisst das: neugierig sein, sorgfältig, gesegnet mit einem grundlegenden Mangel an Überheblichkeit. Ach Gott, das wäre schön. In einer Welt zu leben, in der das erste Gebot hiesse. „Du sollst dich wundern, jeden Tag bis ans Ende deiner Tage.“ Hoffnungslos naiv? Natürlich. Das gehört zum Sich Wundern. Und sogar Gott schlüpfte erneut durch die Ritzen der Welt, ohne die tödlichen Waffe Mensch, wie Gras durch Beton.

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay