Gott zum Rücktritt aufgefordert

 

Es geht das Gerücht um, eine Dreierdelegation von Frauen befinde sich auf dem Weg zu Gott, um ihm den Rücktritt nahe zu legen. Wo sie im Moment stecken, weiss niemand. Wahrscheinlich warten sie in irgendeinem himmlischen Vorzimmer auf einen Termin. Das würde mich nicht wundern. Man hat dort ja wohl kaum Lust, irgendwelche Frauen zu empfangen. Hat man sie gerufen? Haben sie einen offiziellen Auftrag? Na also! Aber man weiss nichts Genaues.

 

Abgesehen davon, die Idee ist natürlich verrückt. Was wäre denn die Alternative? Wurde denn überhaupt eine weibliche Nachfolge aufgebaut? Gibt es neue Konzepte, umsetzbare Ideen, alternative Zieldefinitionen? Unbestritten steckt dieses Ein-Mann-Unternehmen noch tief im Zeitalter des Feudalismus und die zur Rechten und zur Linken sitzen haben tatsächlich nur untergeordnete Kompetenzen, aber immerhin, Tendenzen in Richtung Demokratie gibt es. Die einen vermuten bereits weibliche Mitarbeit nach Mutterart. Aber darüber herrscht keineswegs Einigkeit. Die Frage bleibt: Was genau wollen diese Frauen? Mehr Tempo in Sachen Gerechtigkeit? Den halben Himmel oder, als Revanche, die andere Hälfte gleich mit? Einen Neuanfang, unbeschreiblich weiblich? Und siehe, sie macht alles neu? Himmlische Frauenpower, Frau Gottin Mutter im Himmel und auf Erden? Niemand weiss es genau. Das Gerücht vom verlangten Rücktritt wird von den meisten Frauen als purer Unsinn zurückgewiesen. Eingefordert wird, so heisst es, mehr göttliche Führungsverantwortung in der Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit. Man habe Gott einen Fünfpunkteplan zur Ratifizierung vorgelegt.

1. 

Umgehender Verzicht auf die Rede von Gott als Mann, Papi, Vater, König, Herr. Schluss mit der ewigen Rückendeckung durch den himmlischen Patriarchen. (Männer können auch ohne ihn himmlisch genug sein, oder?)

 

2.  Frauen sind kein menschlicher Sonderfall und keine geschichtlichen Fussnoten. Frauen sind ebenso normal wie Männer, Vorsicht ist jedoch bei beiden geboten.

 

3.  Phantasie wird belohnt und ausgezeichnet. Wer am Wort klebt und der als absolut geltenden Wahrheit wird umgehend suspendiert und in die Weiterbildung geschickt. Wenn nicht anders möglich auch therapeutisch betreut.

 

4.  Geschlechterparität in allen Kirchen und auf allen Ebenen kirchlicher Institutionen. Schluss mit Männerbündelein und geheiligten Privilegien.

 

5.  Erstellen eines Aktionsplanes. Wie und in welchem Zeitraum sollen die Forderungen realisiert werden. Am Schluss: Controlling! Bei mangelndem Umsetzungseifer tritt Gott in den Streik. (Böse Zungen behaupten, das würde hienieden niemand merken. De facto werde die himmlische Politik immer schon ausschliesslich auf Erden gemacht.)

Einfach wäre es, wenn alles so einfach wäre. Einfache Geschichten für einfache Probleme. Wofür der Name Gott steht, was Frauen wirklich wollen, wie die Erde und ihr Himmel aussähen, würden alle sagen können, wie sie aussehen müssen, das alles bleibt weiterhin ungewiss. Prognosen für morgen? Das Tief über unseren Köpfen und Herzen bleibt stationär. Das kühle Wetter dauert an. Vorübergehend hilft warm anziehen, auf die Dauer nur Phantasie und Nachdenklichkeit.

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay