Erlösende Gründe

 

Drei Wünsche zählt meine kleine Tochter auf: Ein grosses Haus mit vielen Tieren, viel Geld und als dritten Wunsch erneut drei Wünsche. Nun hat meine Tochter eine Mutter, die ist mit Moralvorstellungen geschlagen und stochert immer ein bisschen damit in ihren Träumen herum: "Wünschst du dir eigentlich nur Dinge für dich selbst oder hast du auch Wünsche für andere? (Ja, genau so ist sie!) Die Tochter, ein gelehriges Kind, wünscht sich daraufhin, dass es keine bösen Menschen mehr gibt. Aber damit ist die Moral von der Geschichte bei weitem nicht erreicht, denn sie fährt, nach einem kleinen Zögern, fort: "Aber das isch eigentlich recht blöd. Weisch wie isch's dene dänn huere langwiilig."

 

So leicht sollte uns das Denken einmal fallen. Eine ganze Philosophie in einem knappen Satz.

 

Jahrzehntelang hat mich diese Frage nun schon beschäftigt, jahrzehntelang schon tue ich mich schwer damit, hinzunehmen, dass es Böses, dass es böse Menschen gibt, aber noch nie bin ich auf eine solche Idee gekommen. Und während ich mich noch damit aufhalte, darüber nachzudenken, ob man überhaupt "böse" sagen darf, hat sich meine Tochter bereits, in aller Nüchternheit, die Welt zurechtgelegt: Böse sein ist schlicht nichts anderes als eine bestimmte Form der Beschäftigung, etwas, womit man nun halt mal eben seine Zeit verbringt.

 

Könnte es sein, dass meine Tochter etwas weiss, wovon ich keine Ahnung habe?

 

Sicher ist jedenfalls, dass sie ein Durcheinander anrichtet mit ihrem Satz, zu dem mir so schnell keine Erwiderung einfällt, auch später nicht, nachdem ich mit dieser Bemerkung alleine bin, sie hin und her wende und mir selbst zu erklären versuche, weshalb sie damit nicht Recht hat.

 

Was, wenn meine Einwände weniger mit Anthropologie, Geschichtsverständnis, Sozialpsychologie, Ökonomie oder Philosophie zu tun hätten, sondern vielmehr damit, dass ich eine heillose Romantikerin bin und lieber an ein Verhängnis glaube als an Normalität, wenn es um das geht, was ich nun doch ungeschützt einmal "das Böse" nennen möchte?

 

Lieber murmle ich den ganzen Tag lang: "Umstände", "Herkunft", "Sozialisation", "Kontext". Lieber spreche ich von den Gründen als von den Taten, sage eher krank als böse, und wenn es denn sein muss, gehe ich auch gerne auf Adam und Eva zurück, um die dunkle Herkunft von Schuld oder von Vertreibung aus dem Guten, das doch einmal den Anfängen innewohnte, einfach innegewohnt haben muss, zu erklären.

 

Dieser Zwang, diese Gier nach Gründen, wenn es darum geht, dass wir unsere Furcht zu bannen versuchen, damit uns die Welt  nicht im Blutrausch aus den Koordinaten taumelt. Wir wollen es verstehen, das Böse, das Menschen tun, wir wollen es herleiten, es verteilen auf viele, die es zu schaffen halfen, und es so entmystifizieren: Am ehesten helfen monströse Mütter und Väter, helfen entsetzliche Umstände und Erfahrungen, helfen eine fehlende Zukunft. Wir wollen es verstehen, damit es sein Geheimnis verliert, damit wir den Schauder loswerden, den es mit sich bringt. Entwirren möchten wir es, wie einen Knäuel verhedderter Fäden, von denen wir glauben, dass sie uns zu den Gründen zurückführen könnten und es dadurch verwandeln in etwas, das in unserer Reichweite liegt, sodass unser Denken, unsere Erfahrung und unser Fühlen, den unheimlichen Gast einlassen können.

 

Alles scheint besser zu sein, als die Türen zu verschliessen, damit das Schreckliche uns in Ruhe lässt – wir wissen ja doch, dass es da ist – wir wissen ja, dass es ums Haus schleicht, auch wenn wir noch verschont bleiben und es sich andere Opfer sucht.

 

Und wir machen sie weit auf, die Türen und Fenster unserer Welt. Soviel zumindest verlangen wir von uns. Als Verschonte verpflichten wir uns zu Interesse, wenn Anteilnahme schon nicht wirklich überzeugend gelingen will. Wir wollen wissen, wer die Tutsi und Hutu sind und was dieses Schlachten hervorrief. Wir lernen mit jedem Krieg, mit jeder Menschenrechtsverletzung neue Länder und Regionen kennen, die uns bis anhin nicht kümmerten. Bald wissen wir mehr über die Tschetschenen im Mittelalter als über die Zeit der Helvetik. Ich weiss nicht, was alles uns dazu bringt, unser Interesse an der Welt wachzuhalten, aber es hat gewiss nicht nur mit Rationalität zu tun, sondern auch mit einem gehörigen Mass an Magie. Die Beschäftigung mit all den Nachrichten, die uns erreichen, ist nicht nur das Rüstzeug eines aufgeklärten Menschen, der/die Bescheid wissen will, sondern ebenso sehr eine Art Exorzismus des Schreckens durch das Ritual der Suche nach Gründen. Wir verlangen ja nicht bloss nach Aufklärung, sondern auch nach Erlösung, einer ganz und gar irdischen Erlösung vor der Unruhe des Unfassbaren, die wir in der Litanei der Begründungen zu finden hoffen. Denn ohne Vertrauen in Gründe für all das Entsetzliche, das tagtäglich geschieht, schwände auch die Hoffnung auf Alternativen, auf die Möglichkeit, dass es andere Auswege gibt als die, die uns vor Augen geführt werden.

 

Und dann braucht es vielleicht nur einen kurzen Satz, einen einzigen kleinen Text und wir merken, dass wir noch immer nicht wirklich wach sind, noch immer in einer Art gnädigem Halbschlaf die Realität in milderes Licht zu tauchen suchen.

 

Er sei immer davon ausgegangen, schreibt ein Rotkreuzmitarbeiter, der in Afrika gearbeitet hat, "dass Kriege vor allem als historische und soziale Fehler zu verstehen sind, denen man mit seinem Engagement Gegensteuer geben könnte. Heute ist Krieg für mich so etwas wie eine zufällige Ware."(Tages-Anzeiger, 24.Jan.1995)

 

Was also, wenn wir in der Suche nach "nachvollziehbaren" Gründen nicht auf grosse Fehler und nicht auf alte Schuld oder auf Verhängnisse stiessen, sondern darauf, dass Menschen eben , einem Rohstoff gleich, auch aus Grausamkeit bestehen und der Lust, Schmerz zu bereiten? (Aufgrund der Fakten, müsste man eher Männer als Menschen sagen – aber das wäre nochmals ein verwirrendes Thema mehr!)

 

Was, wenn meine Tochter etwas wüsste, das ich nicht weiss: dass "böse" zu sein eine menschliche Beschäftigung unter anderen ist, eine Art, zu leben, etwas zu erleben – sich nicht zu langweilen eben?

 

Was wäre, wenn sie Recht hätte?

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay