Ein Traum von einer Kirche

 

Also ich sehe es genau vor mir. Am Eingang jeder Kirche gibt es neu eine Kasse. Es muss bezahlt werden. Trotz Steuern. Das Theater tut das auch. Die Sorge um das Erlösende soll uns ruhig etwas kosten. Natürlich darf das alles nicht zu teuer sein, Vergünstigungen sind möglich, Jahreskarten etwa oder verbilligte Tarife für Kinder, Jugendliche und SeniorInnen. Was unbedingt weg muss: die schweren Türen! Das Schwere liegt uns nicht. Abgesehen davon: Will man nun, dass die Leute hineingehen oder nicht? Am Besten automatische Türen, zwecks des „Die Pforten-öffnen-sich-Gefühls“. Dann ein Foyer. Leise Musik, es kann ruhig religiöse sein, bequeme Sessel, Sofas, kleine Tischchen. Nichts Hartes, Unbequemes, sicherlich kein Holz, das Leben ist hart und unbequem genug. Weiche, bunte Polster braucht es für Seele, Geist und Fleisch. Seidenweich soll es sein, zum Versinken schön, unser Christentum.

 

Der nächste Schritt ist sicher schwieriger. Sind die Leute erst drin, muss ja noch etwas kommen. Aber was? Sicher nichts Pädagogisches, nur ja keine Predigten und Vorträge. Vielmehr Erlebnisse, überraschende Events, mit viel Kick, versteht sich. Irgendetwas Neues, das Körper und Geist aus der Reserve kitzelt, Glauben aufsteigen lässt wie die Luftperlen im Champagner. Prickelnd muss es sein, belebend. Man muss erstrahlen können. Aber nicht nur. Ein bisschen Angst und Grauen gehört auch dazu, gerade für das jugendliche Publikum, das horrorverwöhnte. Stoff gäbe es jedenfalls genug. Das biblische Drehbuch ist keineswegs ausgeschöpft und der göttliche Schöpfungs- und Erlösungsplan lässt manches ziemlich offen. Freie Fahrt also für die Phantasie! Nicht an Geschichten fehlt es, nur an gelungener Umsetzung und originellem Marketing. Apropos Marketing: Sind die Kirchen nicht Stätten des Wohlergehens? Orte des Heilens und Reinigens, des Reisens und Sich Wandelns? Wieso lässt man dann Reisebüros und Versicherungen Kirchenräume belegen? Wieso überlässt man die Einrichtung von Körpertempeln der Migros? Wieso kümmert man sich nicht selber darum? Auch eine Kirche ist ein Wellnesscenter. Und das Himmlische ist nicht nur ein türkisches Bad, sondern eine Zukunftsperspektive. Auferstehung von Körper und Seele nicht nur nach Massage und Sauna, sondern auch dereinst am Ende aller Tage. Das will vorbereitet sein. Nicht nur der Einbau von Hallenbädern, Saunen, Massageräumen und Restaurants in unsere Kirchen ist unabdingbar, sondern auch und gerade das Pflegen der Auferstehungsmentalität. Positive Botschaften, darum geht es. Um Gelingen! Scheitern, Schmerz und Tod gehören zwar dazu, aber umgeleitet in Optimismus und letztendlichem Sieg. Man soll sich aber nicht daran aufhalten. Die Kruzifixe gehören in die Truhen. Zentrale Botschaft: Ein neuer Mensch werden, zum eigenen Zentrum finden, Stärke entwickeln, sich selber lieben! Und wenn Zeit und Energie bleibt, vielleicht auch noch irgendeinen andern. Am besten den nächsten.

 

Ein Alptraum von einer Kirche? Gewissermassen. Aber haben Sie eine bessere Idee?

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay