„Du sollst keine Jesusfilme machen“

 

Gäbe es ein 11. Gebot, es hiesse: „Du sollst keine Jesusfilme machen“, schrieb der Filmkritiker Thomas Binotto vor ein paar Jahren. Seine knappe Begründung: „Weil das absolut Gute absolut langweilig ist ... Die Evangelien bieten zwar einen starken Plot, aber die Story ist voller Löcher, Details erfährt man kaum, und die psychologische Motivation bleibt erst recht im Dunkeln ...“

 

Dieser Gefahr entgehen die vier Filme, die in der diesjährigen Karwoche gezeigt werden. Sie folgen nicht dem „Plot“ der Evangelien – kein Gerichtsprozess, keine Folter, kein Mord und schon gar keine Auferstehung. Nur die zwei Filmtitel „Abendmahlsgäste“ und „Nazarin“ deuten eine Verknüpfung mit christlichen Traditionen an.

 

Natürlich könnte man einwenden, dass es in den vier Evangelien genügend Stoff gibt, der die Phantasie anregen und durchaus zu etwas Aufregendem führen könnte. Gerade weil so vieles fehlt und unausgesprochen bleibt. Die Evangelien sind ja ein Gemisch aus frohen Botschaften, tröstlichen Visionen, äusserst unangenehmen Wahrheiten und grausamen Vorfällen.Von Verrat ist die Rede, von Aufruhr, Massaker, Umsturzplänen, Mordaufträgen, erotischen Verwicklungen, Intrigen, Rache, diversen Machtspiele bis hin zur Kollaboration. Aus dem Fundus der biblischen Erzählungen und ihrem geschichtlichen Hintergrund liesse sich durchaus ein interessanter Film machen, trotz Löchern in der Story und einem nicht für alle glaubwürdigen Happy End. Dennoch scheint der indirekte Weg, den die vier hier gezeigten Filme gehen, der interessantere und unverdächtigere zu sein. Auch der leichtere. Peinlichkeiten, unerwünschte Belehrungen, forcierte Aktualisierungen lassen sich vermeiden, wenn man sich an dieses 11. Gebot hält – der Blick ist unverbrauchter, Phantasie erlaubt, Ungereimtheiten sind zugelassen und das Ende bleibt offener. So erzählen denn auch die vier Filme nicht die bekannten biblischen Geschichten neu, sondern sie erzählen mit den darin enthaltenen alten Fragen neue Geschichten.

 

Und diese Geschichten sind vielfältig neu. Sie sind traurig, beklemmend, schmerzlich, schön, absurd und verrückt. Leiden, Unrecht und der Kampf dagegen gehören ebenso dazu wie der Zweifel und die Komik. Gerade letzteres ist den biblischen Texten meist fremd und zu den christlichen Tugenden gehörte bisher das Lachen nie. Was eigentlich unverständlich ist:

 

„Hat Gott Humor? – Sicher, wer die Menschen erschaffen hat, muss Humor haben!“(Maxim Biller)

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2017 / Essay