Körper-Kult

 

Der Körper ist das nächste, das wir haben. Ohne ihn sind wir nicht. Er ist der „Herr“ im Haus, auch wenn das Ich immer wieder gerne glaubt, es sitze auf dem Chefsessel und regiere seinen Betrieb aus der obersten Etage. Auch die oberste Etage ist nur ein kleiner Teil, geduldet auf Zeit und wird dereinst ihren Abschied nehmen müssen. Bis es so weit ist, versuchen wir alle auf die eine oder andere Art die Kontrolle zu übernehmen über unsere Körper, die ewig sperrig bleiben und unter der Oberfläche ein eigenes, geheimnisvolles Leben führen.

 

Oberfläche

 

Die Oberfläche ist unser aller liebster Aufenthaltsort und Schönheit ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor auf dem Markt der Aufmerksamkeit. Wir treiben einen Kult rund um den Körper, sagt man uns nach, wir heiligen ihn, beten ihn an, bringen ihm alle verlangten Opfer, die nichtverlangten auch. Wir sind besessen von Schönheit, Jugend und Gesundheit. Die Freizeit-, Sex-, Wellness- und Schönheitsindustrie unterstützt unser Bemühungen, unsere Körper so zu haben, wie wir sie uns wünschen, und ihnen das zu gönnen, was uns das Leben sonst nicht gibt: pflichtvergessenen Genuss. Der Körper ist uns heilig, aber das Heilige ist nicht das Unantastbare, sondern bloss das Angebetete, dem wie eh und je geopfert wird. Nicht nur Zeit und Geld, auch Leben.

 

"Ich bin das Buch, mein Gesicht ist der Umschlag"

 

... und schön soll er sein! Das Gesicht, der ganze Körper als Versprechen auf Inhalt, der hinter der Oberfläche steckt? Ein lockender Einstieg in vertiefte Beschäftigung mit dem schönen Objekt der Begierde? – Das hätten wir gern, aber das kriegen wir nicht! Die Schönheit, sie ist keine Mittlerin, nicht die Dienerin wahrer Werte, sondern die Königin selbst. Sie thront im Paradies unserer Träume, umgeben von Gier, Sehnsucht, Neid und Anbetung. Zehn Lebensjahre für ein paar Kilo weniger opferten die Mehrheit der Frauen an ihrem Altar, die Männer wahrscheinlich inzwischen auch – für einen knackigen Hintern und einen Waschbrettbauch. Die Königin Schönheit aber, sie verteilt ihre Gunst willkürlich, sie ist unfair und lässt die meisten leer ausgehen. Anbetung allein hilft nicht, flankierende Massnahmen voller Schweiss und Blut sind nötig, um der Gnade der Schönheit teilhaftig(er) zu werden.

 

Natürlich, unserer Erwachsenen-Ich ist durchaus fähig, die Obsessionen rund um Schönheit kritisch zu betrachten, auf Interessen abzuklopfen und auf Marktstrategien, all das ist möglich, nur nicht, dass uns das alles kalt lässt. Wir können uns darüber ärgern, wir können kapitulieren, uns operieren lassen, alles ignorieren, uns die Augen verbinden, von wahren Werten reden, hungern, die Mechanismen entlarven, kluge Bücher schreiben, lieber joggen, uns für Intelligenz entscheiden, den Charakter formen anstatt den Hintern, Dutzende von Möglichkeiten gibt es, ambivalent die meisten, angesiedelt irgendwo zwischen Einsicht, Klugheit, unerfüllter Sehnsucht, Kritik und Wut.

 

Wer bestimmt, was schön ist?

 

Schön ist, was gefällt und gefallen tut, was unsere Gene wollen, erklären uns die EvolutionstheoretikerInnen. Nicht Film, Zeitschriften oder Werbung bestimmen in erster Linie, was schön ist, sondern unsere genetisch fixierte Fortpflanzungsstrategie. Geringer als wir gemeinhin annehmen ist dabei die Rolle der Modetrends und der marktkräftigen Schönheitsindustrie, gross sogar der Übereinstimmungsgrad zwischen den Kulturen und durch alle Zeiten. Körperschönheit, sagt die evolutionäre Psychologie, ist nichts anderes als positives Urteil über künftigen Partnerwert und Fortpflanzungserfolge werden mit schönen Partnern verbunden. So weit so gut. Ins Grübeln kommen kann man trotzdem. Die Anstrengungen, schön zu bleiben oder zu werden, werden immer verrückter, erfassen immer jüngere und immer schönere Menschen und das bei drastischer Abnahme des Interesses an Fortpflanzung. Die Gene am Steuerknüppel? Haben sie etwas verpasst? Und: Wissen sie nicht mehr, dass magere Frauen weniger Fortpflanzungserfolg versprechen? Dass Dauerdiäten sexuellem Begehren abträglich sind und Muskeln fürs Büro unnötig? Und dass Männer – in unseren Kulturen – generell kaum mehr jagen und riesige Lasten schleppen? Natürlich ist der Vorgang komplex und das Resultat einer Wechselwirkung zwischen genetisch Vorgegebenem und kulturell Ausgeformtem, vermittelt durch die Instanz des informationsverarbeitenden Geistes, den es ja auch noch gibt. Aber man wird den Eindruck nicht ganz los, dass die Genetik eher eine Entschuldigung, denn eine Erklärung ist. Sehr viel an evolutionsbiologischen Thesen in Bezug zu Schönheit, meint eine Expertin, ist der Versuch von Männern, ihre Phantasien in Genetik zu übersetzen.

 

Schönheitsarbeit

 

Wer und was immer unser Verlangen nach Schönheit steuert, das Verlangen existiert und die Anstrengungen sind enorm. Nicht mehr nur bei Frauen. Status allein ist auch für Männer nicht mehr ausreichend. Sie realisieren, dass heute Frauen Männer nach den selben Kriterien aussuchen, wie sie immer Frauen aussuchten, nach ihrem Aussehen. "Es interessiert Frauen nicht, welchen Beruf der Mann hat. Sie schauen, ob der Mann einen knackigen Arsch hat.“(Joop) Die Leute wollen sich heute nicht mehr durch ihre Kleidung abheben, sondern durch ihre Figur. Gutes Aussehen ist nicht mehr nur sozusagen die Kür, sondern wird zum allgemeinen Pflichtprogramm und führt gleich noch die Formel ein: wer gut aussieht, ist auch gut. Der Nimbuseffekt der Schönheit heisst das im Fachjargon, d.h. die Schönheit wird mit allen erdenklichen guten Eigenschaften umgeben: Warmherzigkeit, Stärke, Ausgeglichenheit, Umgänglichkeit, Leidenschaftlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Erfolg, Glück. Gutaussehende werden besser behandelt, verdienen im Durchschnitt mehr, werden bei Einstellungen bevorzugt und werden für klüger gehalten. In simulierten Geschworenenprozessen erregten Gutaussehende weniger Verdacht und wurden milder bestraft. Schöne haben es leichter und das macht sie noch schöner. Schon zwei bis drei Monate alte Säuglinge beschäftigen sich länger mit attraktiven Gesichtern.

 

Männliche Konkurrenz

 

Kein wunder wollen wir alle schön(er) sein. Und ist der Körper nicht willig, so gestalten wir ihn mit Gewalt. Absaugen, abschleifen, wegschneiden, versetzen heisst die Devise in der Körperwerkstatt, dieser Verschönerungsindustrie mit Wachstumspotential. Die meisten Leute, die sich über Schönheitsoperationen aufregen, meint die US-Feministin Nancy Friday, sind solche, die sie sich bloss nicht leisten können, oder die neidisch sind auf das Ergebnis. "Schönheit ist ein knallharter Wettbewerbsfaktor", meint sie weiter. "Schönheit ist bares Geld wert. Und jugendliche Schönheit ist in unserer Gesellschaft mehr wert als die Schönheit des Alters. Das ist eine Tatsache." Deshalb rät sie denn auch den Frauen, von der Schönheit Gebrauch zu machen, so lange es eben geht, ihr, wenn es nötig wird, auch operativ nachzuhelfen. Die Anfänge der Frauenbewegung seien asexuell gewesen, weil Frauen nicht mehr über Schönheit und Sexualität definiert werden wollten, doch heute wollten Frauen ernstgenommen werden und trotzdem erotisch attraktiv sein. Zum Überleben bräuchten sie heute keinen Mann mehr. "Wir können unsere Miete zahlen, zu unserem Schutz im Nachtisch eine Knarre aufbewahren und unseren Nachwuchs notfalls von einer Samenbank kaufen. Wir sind nicht mehr ökonomisch abhängig von unseren äusseren Reizen. Darum können wir es uns leisten, sie vorzuzeigen." Auf die Frage hin, was denn die Frauen tun, wenn die Männer die Macht neu verteilen, während sie in Kosmetikkursen hocken, meint sie: "Das muss doch kein Entweder-Oder sein. Die Männer sagen doch längst: Ihr seid in unsere Welt eingedrungen, ihr habt uns unsere Schreibtische geklaut, jetzt machen wir euch auf eurer Domäne, der Schönheit, Konkurrenz. Im Wettbewerb haben Männer heute keine Hemmungen, äussere Vorzüge eiskalt einzusetzen. Wenn wir Frauen nicht aufpassen, laufen sie uns auch noch auf dem Feld der Schönheit den Rang ab."

 

Konkurrenz an allen Fronten sozusagen, die Kriegserklärung der Männer auch auf dem Gebiet der Schönheit. Auf jeden Fall Mithalten, Mitkämpfen, ist Friday's Devise. Man kann daraus so wenig aussteigen, wie aus der globalisierten Marktwirtschaft.

 

Also nichts wie raus und zum nächsten Chirurgen, denn wenn das Verrückte normal wird, dann hilft nur ein Operation, nicht am Hintern, sondern am Hirn.

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 2004 / Kolumne