Auslaufmodell Mensch

 

Der Mensch ist ein sehnender. Auch die Frau. Vorwiegend in Liebesdingen, knapp gefolgt vom Putzen. Ist sie romantisch, trennt sie Fett von Wand und träumt vom Prinzen, der sie davon befreit, wird sie kühn, wirft sie den Schwamm weg und macht sich davon, bleibt sie realistisch, träumt sie von einem Putzroboter. Er ist mittelgross, von glänzender Statur, gelenkig und, das Beste überhaupt: Er tut’s einfach! Kein Lamentieren und kein Argumentieren, nur surrende Zustimmung.

 

Die Frau ist auch eine spöttische, vor allem wenn es um die oft befremdliche Liebe von Männern zu allerlei Maschinen geht, denen sie vorbehaltlos ihre Zuneigung und Bewunderung schenken. Mit einem Putzroboter in Aussicht, na ja, ihr Spott wird vielleicht etwas gedämpfter. Und das Putzen wird fortan begleitet von ein wenig Melancholie: Halb hinter dem Kochherd liegend, mit schmerzenden Muskeln, philosophiert die Frau über die Korrumpierbarkeit des Menschen im Allgemeinen und der Frau im Besonderen, gerade beim Putzen.

 

Die Maschine als Mensch und umgekehrt

 

Dass man Menschen durch Maschinen ersetzt, es hat doch auch seine guten Seiten, oder? Endlich freigesetzt für das wirklich Spannende, für das Kreative, Innovative und Weltbewegende – wer möchte da schon Einwände erheben?

 

Nur, dass es dabei ja nicht bleibt. Dass das Weltbewegende eben nicht nur das Dreckbewegende ist und nicht darin besteht, unsereins das Putzen abzunehmen. Woran man in diversen Labors in der ganzen Welt tüftelt, sind nicht einfach Maschinen, die uns stereotype, kraftraubende und unbezahlbare Arbeiten abnehmen, nicht bloss Roboter, die mit unseren Kindern spielen und pflegebedürftige Menschen betreuen sollen (was für manche von uns bereits eine Grenzverletzung darstellt), es geht darum, dass in Zukunft Menschen und Maschinen verschmelzen sollen. Das Ziel? Perfektionierung, Effizienzsteigerung, Selbstkontrolle, die Abwehr von Schmerz und Tod.

 

Wen wundert’s, dass man das für etwas Wunderbares hält.

 

Deshalb wird enthusiastisch und ohne grosse Zweifel an der Zukunft des Menschen als Mensch/Maschine gearbeitet. Es gilt als Riesensprung in der menschlichen Evolution: vom Affen zum Menschen zur Maschine. Affen gibt es nach wie vor, also auch weiterhin Menschen, die werden dann vielleicht für die Maschinen die Affen sein, wer weiss, was so eine Maschine dereinst von uns denken wird.

 

Die Ablösung des Menschen

 

Die Ablösung des Menschen durch Maschinen – der Traum ist alt. Dass er sich oft vom Traum zum Alptraum wandelt, die Literatur und das Kino haben es ausführlich beschrieben und vorgeführt. Immer und immer wieder wird die gleiche Geschichte erzählt: Der Mythos vom Geschöpf, das Schöpfer werden, das den göttlichen Schöpfungsakt wiederholen will. Und meist scheitert, an seiner Arroganz. Der Mythos ist nach wie vor lebendig, so lebendig, dass Herr Tagami, Leiter eines japanischen Projektes zur Entwicklung humanoider Roboter, nach Rom reiste, um im Vatikan nachzufragen, ob man die Schaffung eines menschenähnlichen Roboters im Westen als Gotteslästerung betrachte. Der Vatikan beruhigte Herrn Tagami, nur die Literatur und das Kino tradieren weiterhin die alten Ängste, die in der Schaffung eines künstlichen Menschen einen Tabubruch sehen. Aber das wird sich geben, wie immer. Kommt Zeit, kommt Zustimmung.

 

Von der Fiktion zur Realität

 

Die Phantasie, dass einst Maschinen den Platz des Menschen einnehmen könnten, sie hat viele Vorläufer: die mechanischen Soldaten etwa, die Kreta bewachen, der jüdische Golem, der mittelalterliche Homunkulus und nicht zu vergessen, das wohl berühmteste und unheimlichste Beispiel: das aus Leichenteilen gefertigte Monster des Doktor Frankenstein. Wo immer von der menschliche Hybris die Rede ist, wo immer man befürchtet, es würden sich die Erzeugnisse der Menschen gegen sie selber wenden und man würde die Geister, die man schuf, nicht mehr los, taucht sie auf, diese fleischgewordene Selbstüberschätzung. Sie belastet die Robotik bis heute. Mit Frankenstein bereits verliert sie ihre Unschuld, etwas, das bei den Physikern erst die Atombombe vermochte.

 

Der Wunsch, Menschen zu schaffen, auch auf mechanischem Wege, ist kein neuzeitliches Phänomen. Die Realisierbarkeit des Wunsches hingegen rückt erst dank moderner Gen- und Computertechnologie in Reichweite. Haben Film und Literatur die Roboterentwicklung zwar schon lange visuell und erzählerisch vorweggenommen, so verwandeln erst die heutigen Computer diese eher unglaubwürdigen literarischen und filmischen Fiktionen in machbare wissenschaftliche Objekte.

 

Unscharfe Grenzen

 

Die Fragen der Literaten: kann eine Maschine denken, kann man Maschinen bauen, die intelligenter sind als Menschen, werden heute von Wissenschaftlern ernsthaft diskutiert und in Angriff genommen. Die klare Trennung zwischen dem Maschinenförmigen und dem Menschlichen, die bisher galt und die nach wie vor unsere Sprache prägt, wird aufgeweicht. Dass das, was kühl rechnerisch und mechanisch ist oder sich routinemässig wiederholt, ins Reich der Maschine gehört, während die Bereiche Sprache, freier Wille, Kreativität, abstraktes Denken, Emotionalität ureigenste Reservate des Menschlichen blieben, diese Übereinkunft gerät ins Wanken. Und doch wird sie noch immer vorausgesetzt.

 

Wie irritierend es sein kann, wenn diese Trennung nicht mehr stimmt, zeigt das Beispiel Kasparov gegen „Deep Blue“. 1997 nämlich schlug der Grossrechner „Deep Blue“ den Schachweltmeister Garry Kasparov. Kasparov hielt das Ganze für Betrug. Deep blue hatte etwas getan, das, nach Meinung von Kasparov, ein Computer niemals tun würde: er hatte sich während des Spieles für einen schlechter bewerteten Zug entschieden. Kasparov ging davon aus, dass sich der Computer wie eine Maschine verhalten und sich allein aufgrund von Berechnungen entscheiden würde und eben nicht wie ein Mensch, bei dem im Schachspiel auch Kampfgeist, Bluff, Einschüchterung und Selbstvertrauen eine Rolle spielen.

 

Das Duell Mensch – Maschine

 

Es ist ein Kampf. Was auf dem Spiel steht: zuerst der Stolz des Menschen und dann er selbst. Sollte es möglich sein, eine Maschine zu entwickeln, die dem Menschen prinzipiell überlegen ist, so wäre der Sieg gleichzeitig eine kränkende Niederlage. Der Mensch schaffte es zwar, sich in verbesserter Form zu reproduzieren, sägte aber gleichzeitig am evolutionären Ast, auf dem er bisher als Krone der Schöpfung residierte. Freiwillig degradierte er sich zum Vorläufer und Auslaufmodell. Die Wissenschaftler in ihren Labors scheint das nicht zu stören. Immerhin wären sie so intelligent, noch mehr Intelligenz zu erzeugen und eine grundlegend verbesserte Ausgabe ihrer selbst.

 

Alles Bubenträume? Vielleicht. Nur: die Buben haben grosse Labors und viel Geld, und es gibt darunter solche, die sagen in vollem Ernst: „Mein grösster Wunsch ist, dass mein Roboter stolz auf mich ist.“

 

Wer weiss, vielleicht wäre die Welt mit Robotern tatsächlich besser dran.

 

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

 

Angefangen hat das alles schon lange, seit Darwin. Was die Natur durch Zufall erzeugt hat, heisst es seither, kann letzten Endes durch die Wissenschaft bewusst nachgeschaffen (und verbessert) werden. Robotik und Gentechnologie sind nur die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln. Noch träumen nur wenige davon, sich dereinst in Maschinen ersetzt zu sehen, viel eher hängt man der Vorstellung nach, Maschine und Mensch sinnvoll zu verschmelzen.

 

Es war naiv anzunehmen, schreibt Silvia Bovenschen, dass all die Instrumente unserer Ex- und Intensivierung – Maschinen, Prothesen, Autos, Telefone, PC’s – keinen Einfluss auf die Vorstellung von unserem Organismus hätten. Als sei der Leib eine Oase inmitten der rasenden Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologie. Im Bild, das wir uns von unseren Körpern machen, sind die Körper längst maschinenförmig geworden. Und dass die Tätigkeiten am Körper oft Reparaturen gleichen –  es wird gefeilt, geschraubt, abgeschliffen, ausgetauscht, eingesetzt und aufgefrischt – stört die wenigsten. Selbst alternative Bilder, die von Energieströmen oder seelischen Einflüssen auf körpereigene Vorgänge sprechen, lassen an verstopfte Leitungen denken oder an mangelhafte Aufmerksamkeit auf das Leib-Seele-Getriebe, das laufen würde wie geschmiert, wenn man es nur richtig warten und mit dem richtigen Treibstoff versorgen würde. Man muss es nur richtig machen und der Mensch ist ein Erfolgsmodell.

 

Denken ist Rechnen

 

Was auf dem Gebiet der Robotik, der künstlichen Intelligenz, der Verschmelzung von Mensch und Maschine geschieht, ist vielfältig, spannend, unheimlich und furchtbar kompliziert.

 

Es gibt Versuche, das menschliche Hirn nachzubauen und zu verbessern. Das setzt voraus, dass man eine ganz klare Vorstellung davon hat, wie das menschliche Hirn funktioniert. Und diese Vorstellung kann beispielsweise so aussehen wie jene von Ray Kurzweil, Computerwissenschaftler und Erfinder. Für ihn sind Denkprozesse Rechenprozessen vergleichbar. Deshalb werden die Maschinen für ihn immer intelligenter und der Mensch mit seinem alten Hirn immer dümmer. 2019 wird ein Computer für 1000 Dollar so klug sein wie ein menschliches Gehirn, 2029 wie tausend Gehirne. Und „wer sich 2099 nicht schon längst seinen Denkapparat hat scannen und sich mit den Informationseinheiten aller anderen hat vereinigen lassen, muss sich das mangelnde Wissen via sogenannte Neuroimplantate vom Netz herunterladen: ‚Wer auf solche Implantate verzichtet, ist nicht mehr in der Lage, sinnvoll mit anderen zu kommunizieren.’ Die ‚anderen’ sind reine Maschinen, die in 100 Jahren natürlich Menschenrechte geniessen, während die VOM, ‚Vorwiegend-Originalsubstrat-Menschen’, die sich von ihrem Körper nicht trennen können, nur noch geduldet werden.“(NZZ, 99)

 

Dass es keine klare Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine mehr geben wird, ist kein Problem für jemanden, der den Menschen sowieso schon für eine Art Maschine hält: „Wir erneuern einen Grossteil unserer selbst in relativ kurzer Zeit. Was also bin ich? Ich bin im Grunde nur ein Muster von Informationen, ein Muster von Materie und Energie, dessen biologisches Material ständig erneuert wird. Wenn ich aber nur ein Muster bin, gibt es keinen Grund, warum man dieses Muster nicht kopieren und in einem anderen Medium rekreieren könnte ... Was wir heute als Maschinen betrachten, weil sie nicht biologisch sind, werden wir in der Zukunft als menschlich akzeptieren.“ (Weltwoche, 63) Kurzweil träumt davon, Nanoboter in das menschliche Hirn einzusetzen, damit es dem Menschen möglich wird, mehr als nur eine gewisse Zahl E-Mails zu beantworten, Internetseiten anzuklicken, Kinofilme zu sehen und sich mit viel mehr Menschen zu unterhalten. „Wenn wir grössere Kapazitäten hätten, könnten wir mehr Erfahrungen machen, mehr Wissen beherrschen, schneller und klüger sein.“(Weltwoche, 64)

 

Und was haben wir schlussendlich davon? Eben mehr! Egal wovon. Und das Verrückteste am Ganzen, es ist alles ernst gemeint!

 

Intelligenz ist nicht gleich Denken

 

Nicht nur die Frage nach dem Sinn kann man sich stellen, auch die Frage, ob das alles denn wirklich so funktioniert und ob menschliches Denken wirklich nur mit der Anzahl neuronaler Verbindungen zu tun hat. Nein, ganz und gar nicht, sagen andere Wissenschaftler.

 

Intelligenz sitzt nicht nur im Gehirn und ist nicht einfach eine Eigenschaft des Denkens. Es ist auch eine Eigenschaft des Verhaltens und Verhalten eine Eigenschaft von Wesen, die einen Körper haben und selbständig mit der Welt interagieren. „Nicht das Denken an sich ... ist die Aufgabe des Gehirns, sondern die Sicherung des Überlebens. Intelligenz entsteht ... in der Interaktion mit der Umwelt, in der sich das intelligente Wesen behauptet und in der es überleben muss.“(NZZ, 99)

 

Wer Roboter bauen will, realisiert erst, wie komplex menschliche Denkprozesse verlaufen. Roboter zu bauen bedeutet, verstehen zu lernen, wie wir funktionieren. Bislang scheitern die Roboter noch an der normenlosen Vielfalt der Welt. Alles, was sich in Rechenschritte auflösen lässt, meistern Roboter gut, aber die meisten Handlungen der Menschen lassen sich nicht ohne weiteres in rechenähnliche Prozesse überführen.

 

Die Wissenschaftler lernen jedoch dazu: Sie hielten lange Zeit das Hirn für das zentrale Verarbeitungsorgan und vernachlässigten Wahrnehmung und Handeln. Inzwischen ist klar: Sinnesorgane und Körperbewegung sind untrennbar verbunden und dezentral miteinander verwoben. Fazit: Roboter brauchen kleinere Gehirne und bessere Körper.

 

Der Mensch als Software wird überleben

 

Wir mögen darüber lachen, das Ganze für absurd halten, davon fasziniert sein, darin die alte Männerphantasie von der Schöpfung ohne Frau am Werke sehen oder die Hoffnung nähren, mit all diesen Technologien schmerzfreier und länger zu leben. Was immer wir darüber denken, es geht unabhängig davon seinen Gang.

 

Ray Kurzweil ist sich sicher, dass es im Jahr 2030 Implantate geben wird, die eine zwanglose Kommunikation zwischen Mensch und Maschine erlauben, ohne Umweg über einen Bildschirm. Er ist überzeugt, dass sich das Wesen des Todes ändern wird, da unsere Software nicht mit unserer Hardware sterben muss, sondern auf eine andere Hardware kopiert werden kann. Der Kybernetiker Warwick träumt davon, den heutigen Standartmenschen technisch aufzurüsten und zu einem elektronischen Humanoiden zu veredlen: „Ich will elektronische Sinnesorgane und Chips in meinem Gehirn ... Ich will mit acht Augen sehen, in zehn Dimensionen denken, meinen Weg mit Ultraschall finden.“(NZZ-Folio, 58) Und Marvin Minsky glaubt, „dass es nicht notwendig ist, krank zu sein oder im Alter das Gedächtnis zu verlieren oder zu sterben. Man kann dann alle Elemente einer Persönlichkeit in einen anderen Körper, einen Maschinenkörper, verpflanzen, der erhalten wird und kontinuierlich wächst, so dass wir nicht auf ewig mit unseren Begrenzungen leben müssen.“

 

Man muss den „Standartmenschen“ nicht lieben, um ihn einem elektronischen Humanoiden vorzuziehen, der womöglich bloss die bekannte menschliche Unfähigkeit exponentiell erhöht, ein befriedigendes und sich um andere sorgendes menschliches Leben zu führen.

 

Bloss: so ein mittelgrosser, glänzender Putzroboter, das wäre halt schon was!

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

Verwendete Literatur

- Igor Aleksander/Piers Burnett, Die Roboter kommen. Wird der Mensch neu erfunden? Basel 1984.

- Dietmar Kamper (Hrsg.), Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt a.M. 1982.

- Rolf Augrich (Hrsg.), Künstliche Menschen – manische maschinen kontrollierte Körper, Filmmuseum Berlin 2000.

- Silvia Bovenschen, Schlimmer machen, schlimmer lachen, Frankfurt a.M. 1998.

- NZZ-Folio, Roboter. Unsere nächsten Verwandten, Juni 2000.

- „Mensch und Maschine werden verschmelzen.“ Ein Interview von Mario Kaiser mit Ray Kurzweil, in: Weltwoche Nr. 44, 2. November 2000.

- Villö Huszai, Der Kampf um die Vorherrschaft der Intelligenzen. Die technische und literarische - Phantasie vom Maschinenmenschen, in: NZZ Nr.70, 24./25. März 2001.

- Ulrike Baureithel, Biotechnologie als Erregungsvorlage. Narrative Aufrüstung im Gentech-Bereich, in WOZ vom 16.11.2000

 

© Silvia Strahm 2000 / Kolumne FAMA