Wetteraufführungen

 

Wie gerne hätte ich, es würde mir einmal jemand mit dieser Eleganz die Welt erklären, wie mir Tag für Tag auf einer Karte die Prognosen zu Schnee, Sonne, Nebel, Temperaturen und Windstärken nahegebracht werden. Hochdruck, Tiefdruck, Wirbel und freie Flächen, und wir sehen das Wetter jetzt nicht mehr nur von unten, sondern wir sehen ihm per Satellitenbild sozusagen diskret über die Schulter.

 

Und wie charmant uns dies alles vorgeführt wird, wie heiter und souverän, es macht einen beinahe glücklich und man weiss nicht wieso; mit weitausholenden Gebärden wird über Karten gefahren und man wird den Eindruck kaum los, die KommentatorInnen hätten das alles gerade selbst irgendwo zustandegebracht in einem intimen Dialog mit ihrem Wetterpartner und führen es nun mit nur kaum zu verhehlendem Stolz vor.

 

Aber irgendetwas muss doch – neben den Sponsoren – hinter dieser täglichen Wetteraufführung stecken, etwas, das den ganzen Aufwand und das ausgeklügelte Zeremoniell lohnt, etwas, dass sich nicht im Demonstrieren von allerlei Gesetzmässigkeiten erschöpft und in der Botschaft, dass wir morgen besser den Schirm mitnehmen, weil es am Nachmittag aller Voraussicht nach regnen wird. Vulkanausbrüche und tropische Wirbelstürme können es nicht sein, vor denen man uns warnen müsste, auch Hochwasserfluten sind es in der Regel nicht. Also worum geht es denn bloss?

 

"Und jetzt zum Wetter" – schon die Melodie dieses Satzes hat etwas Entspannendes, etwas von einem erleichterten Aufatmen, als ob man damit die Tür hinter dem Weltgeschehen zumachte. Das Wetter zumindest hat doch noch etwas vom Charakter des Geschickes, dem sich niemand entzieht und für das niemand etwas kann. Nur, dass auch diese Tür nicht mehr richtig zugehen will, weil selbst das Wetter unsere schmutzige Handschrift trägt. Irgendwie scheint es, als landeten wir immer wieder mit der Nase im eigenen Dreck. Das ist nicht lustig. Dagegenhalten, nicht ausrutschen, ist anstrengend. Da ist die Tatsache, dass man todbringende Wirbelstürme mit netten Namen versieht, als wären sie gute Kumpel, oder über eine Börse nachdenkt, an der man Verschmutzungsrechte kaufen und verkaufen kann, nur eine Hürde mehr im Versuch, mit einigermassen klarem Verstand über die Runden zu kommen. Täglich den Kopf schütteln über all die Absurditäten, die eine eigene verquere Logik haben, ordnet die Welt nicht neu. So sollen denn wenigstens Hoch- und Tiefdruckgebiete und trockene Polarluft nicht auch noch eine Aufforderung sein, unser Leben zu ändern.

 

Es muss einen Grund geben, dass wir die Sache mit dem Wetter so ernst nehmen. Vielleicht spinnen wir einfach, das wäre eine mögliche, plausible Erklärung. Aber trotzdem unbefriedigend; sie lässt sich bei zu vielen Tatsachen anführen. Vielleicht müssten wir die Herkunft der modernen Wetterprognose studieren, die Art und Weise ihrer Inszenierung, die Gründe für die mediale Aufmerksamkeit, die sie geniessen. Es gibt gewiss ganz vernünftige Erklärungen dafür – logische Verbindungen zwischen der Welt des Wetterzaubers, des Orakels, der Bauernkalender, der modernen Naturwissenschaften und einer rasanten Medienentwicklung. Eine Deutung der phantasievolleren und äusserst anregenden Art bietet der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch "Sphären I", in dessen erstem Kapitel der "geschälte Mensch" auftritt.

 

Seinen Ursprung hat dieser Menschentyp in jener "Erkenntnis- und Enttäuschungsgeschichte", in der sich nicht mehr alles nur um die Erde dreht, in der es vorbei ist mit der "kosmischen Schosslage" unserer Welt. Obwohl wir es nicht immer ganz kapiert haben und für die meisten von uns die Sonne nach wie vor auf- und untergeht und unsere Erde anstrahlt als wäre sie die Diva unter den Planeten. Von diesem Schoss sind wir noch nicht richtig hinuntergerutscht , aber das alte himmlische Dach, das haben wir durch Forschung und Denkentwicklung abgebaut. Das bis anhin taugliche Immunssystem Himmel mit seinen Schalen und sichernden Gewölben wurde abgerissen, und die Neuzeitmenschen mussten lernen "als Kern ohne Schale" zu existieren. Seither versuchen die Menschen ihre Immunitäten technisch zu produzieren, die meisten jedenfalls, jene die ihre Sicherheitsstrukturen aus den traditionellen theologischen und kosmologischen Dichtungen und Deutungen ausgegliedert haben. Grossprojekte in schalenloser Zeit nennt Sloterdijk die grosstechnische Zivilisation, den Weltmarkt, die Mediensphäre – alles Dinge, die das Umgreifende des alten Himmels nachspielen und eine neue schützende Haut erzeugen helfen.

 

Vielleicht gehört auch unsere Versessenheit auf Wetterprognosen dazu: als ob man sich eine schützende Bettdecke aus Erklärungen und Gesetzmässigkeiten über den Kopf zieht und damit einen abgrenzbaren Innenraum schafft in einem Kosmos, der für die meisten unvorstellbar gross, dunkel und kalt ist. Wetterprognosen als Teile unserer Tätigkeit als wilde InnenarchitektInnen, die unablässig an ihrer Einquartierung in imaginäre, technische, symbolische und rituelle Räume arbeiten. So sitzt denn der geschälte Mensch vor seinem Fernsehschirm und schaut tatsächlich in die Ferne, sogar über den Himmel hinaus und wenn er auch keine Himmelsschale mehr entdeckt, durch deren Löcher Licht fällt, so liefern ihm doch die Satellitengöttinnen mit ihren Wetterentwicklungen eine einigermassen klare Abschirmung gegen die unendliche Ausdehnung des Alls.

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 1998 / Kolumne NLZ