Danken ... Büssen ... Beten?

 

Danken, Büssen, Beten – der eidgenössische Feiertag wirft diese Worte aus, Jahr für Jahr, wie Angelhaken; manchmal holen diese Worte etwas ein, manchmal bleiben sie leer.

 

Für sich genommen sind die Worte vertraut, alltagssprachlich oft genutzt, manchmal auch neu eingefärbt. In einen religiösen Kontext versetzt, nehmen sie an Gewicht zu. Sie kommen von weit her: Jahrtausende der Anbetung, des Lobes, des Dankes, der Busse und des Bittens haben sich an ihnen festgesetzt und Schicht um Schicht eine eigene, reich gestaltete Welt gebildet. Das macht die Worte voller, aber auch schwerer, gibt ihnen die Patina einer Welt, die inzwischen vielen einfach zu alt ist, um weitergetragen zu werden.

 

Wir neigen zu Reisen mit leichterem Gepäck; die Vorstellungen, Worte, Erinnerungen, Kenntnisse, Werthaltungen des christlichen Glaubenshauses sind nicht mehr für alle im Gebrauch, scheinen eingelagert, mit Tüchern bedeckt wie in einem verlassenen Haus. Manchmal schliesst man das Haus wieder auf, öffnet die Fenster und zieht die Tücher weg, bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen oder auch bei Festen und Feiertagen. Vielleicht gehört für die einen und anderen auch der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag dazu.

 

Die älteste Ausdrucksform der Religion ist das Gebet, heisst es in Charles Panatis populärem Lexikon der religiösen Gegenstände und Gebräuche. Fünf Arten des Betens nennt er: die Anbetung, die Busse, die Bitte, das Lob und der Dank. Die Anbetung gilt als die selbstloseste und deshalb reinste Form, denn sie will nichts für sich. Ans andere Ende versetzt wird deshalb die ans Wünschen gebundene Bitte. Sie ist die häufigste Form des Gebetes und gilt gleichzeitig als deren niedrigste. Beten ist zwar eine individuelle, intime, nicht kontrollierte und so freie Form des Gespräches mit Gott, entgeht aber trotzdem der Ordnung nicht. Es gibt auch hier, wie überall, ein hochwertig und untergeordnet, ein gut und weniger gut, ein richtig und falsch. Hochstehend ist, was die Bedeutung der Betenden am geringsten veranschlagt, niedrig, was den Betenden zu viel Gewicht beimisst.

 

Gemäss Herkunftswörterbuch kommt das Wort beten von bitten und wiederholtes bitten ist gleichbedeutend mit betteln. Beten ist demnach nicht bloss eine Frage des Glaubens, sondern auch des Stolzes. Manchmal wird aber auch der Stolz schwach vor Verlangen nach "mach, gib, hilf!" – und nicht jedes Eingeständnis, Wesentliches zu vermissen, ist eine Niederlage. Beten ist so gesehen auch fragen nach dem, was notwendig ist, ist erwarten, dass irgend jemand, irgend etwas bedingungslos da ist, zuhört, nicht ins Wort fällt, ist hoffen, dass man bedingungslos wichtig und wert ist, am Leben zu sein. Die einen sehen darin einen Monolog, ein Selbstgespräch, die andern sehen es weiter geöffnet, im grösseren Raum, nennen es Sprechen mit dem, was einen unbedingt angeht, mit Gott.

 

Genau sehen lernen, was gelingt, dankbar sein für das, was einem an Gutem zukommt, an Leben im Leben und es geniessen, man kann es beten nennen, denn "wer am meisten geniesst, betet am meisten"(G.Büchner). Das Aussichtslose tun und das Unmögliche glauben, nicht gleichgültig sein, genau wünschen und erkennen wollen, was man wirklich will, auch das kann man beten nennen. Wissen, dass es Dinge gibt, die man ändern muss, sich dieses Wissen nicht ersparen und sich nicht immerzu schonen, man kann es Busse nennen. Oder wie es ein altpersisches Gedicht genauer umschreibt: "Alles, was wir hätten denken sollen und nicht gedacht haben. Alles, was wir hätten sagen sollen und nicht gesagt haben. Alles, was wir hätten tun sollen und nicht getan haben. Alles, was wir nicht hätten denken sollen, aber gedacht haben, Alles, was wir nicht hätten sagen sollen, aber gesagt haben. Alles, was wir nicht hätten tun sollen, aber getan haben. Für Gedanken, Worte und Taten bitten wir, Gott, um Vergebung".

 

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein altes Ritual, vor mehr als hundert Jahren den Schweizern und Schweizerinnen zugemutet als Prüfen dessen, was man hat, wo man fehlte und was man nötig hätte und dies alles nicht still und leise im intimen Selbst- oder Zwiegespräch, sondern öffentlich und bezogen auf gesellschaftliches Zusammenleben, Wirtschaften und Politisieren.

 

Ungeachtet dessen, ob man es danken, büssen und beten nennen will, dieses alte Ritual des öffentlichen vertieften Nachdenkens, Sinn machen kann es allemal. Auch wenn man sich nur noch an den Rändern des Tradierten bewegt, sich fortbewegt von einer Sprache, die man nicht mehr sprechen will, von Worten, denen man nicht mehr traut, so reicht manchmal auch das leichte Gepäck, wenn man weiss, was genügt:

 

"Wenn der Bescht vor einer schwierigen Aufgabe stand, ging er an einen bestimmten Platz im Wald, zündete ein Feuer an und versenkte sich ins Gebet und was er zu tun beschlossen, das geschah. Als eine Generation später sein Lieblingsschüler ... sich einer ähnlichen Aufgabe gegenüber sah, ging er an denselben Ort im Wald und sagte: 'Ich vermag zwar das Feuer nicht mehr zu entzünden, aber ich kenne das geheime Gebet', und was er zu tun wünschte, ward Wirklichkeit. Wieder eine Generation später hatte Mosche Löb von Sasow mit einem ähnlichen Fall zu tun. Auch er ging in den Wald; dort sprach er: 'Ich kann das Feuer nicht mehr entzünden, ich kenne das Gebet nicht mehr, aber ich kenne den Platz, den meine Vorväter gewählt haben, und das muss genug sein.' Und es war genug. Aber als dann noch eine neue Generation kam und der Zaddik Israel von Rischin vor der gleichen Aufgabe stand, da setzte er sich in einen vergoldeten Sessel in seinem Schloss und sagte:'Ich kann das Feuer nicht mehr entzünden, ich weiss das Gebet nicht mehr, und ich kenne den Platz im Wald nicht mehr, aber ich kann die Geschichte erzählen, wie das alles sich einst zugetragen hat.' Und auch das war genug."

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 1998 / Kolumne NLZ