"Ein Gegenstand in Kugelform"

 

Vom 10. Juni bis zum 12. Juli gibt es hierzulande der Menschenarten zwei, vielleicht auch drei: Leidenschaftliche GeniesserInnen und leidenschaftliche VerächterInnen, Gleichgültige und Gelangweilte und halbherzig Unentschiedene. Einzig die Fastnacht schafft Ähnliches und unterscheidet in Dabeisein und Spass haben und Nichtdabeisein, den Kopf schütteln und etwas grundsätzlich nicht verstehen. Bei einer Fussball-WM aussen vor zu bleiben ist, wie unverkleidet an die Fastnacht zu gehen. Es ist die Ignoranz, die den wahren Narren zeugt, nicht nur an der Fastnacht oder einer Fussballweltmeisterschaft. Sich über Fussball zu mokieren, geht schon in Ordnung, das eigne Unverständnis als Auszeichnung zu verstehen, ist jedoch nicht unbedingt ein Zeichen von Originalität, wie auch die Litaneien nicht, die den gegenwärtigen Fussball begleiten: die Wirtschaft hat sich des Fussballs bemächtigt, der Ball rollt nicht zur Mehrung unseres Spasses, sondern des Geldes von Adidas, Krombacher & Co.; als naiv gilt, wer glaubt, dass es beim Fussball um Fussball geht, um seine universelle Sprache, um gemeinsame Erlebnisse in einer individualisierten Welt, um Gegenordnung, Alltagsvergessenheit – alles Fiktion! Kapitalismus pur ist, was wir sehen. Des Stürmers ballkünstelndes Bein? Eine Prothese der Grosskonzerne und Mediengiganten, der einzigen Champions of the world – no time for loosers gilt nicht nur unten auf dem grünen Rasen. So schlimm kann Fussball sein.

 

Bestreiten lässt sich das nicht. Nur überzeugen kann man damit die wenigstens – weil sie es zum einen sowieso schon wissen und weil zum andern Fussball trotzdem funktioniert. Wen interessieren die Millionen- und Milliardengeschäfte, wenn Ronaldo oder Del Piero mit ihren Künsten verführen? Aufklärung versagt, wo alle schon wissen und es trotzdem nicht lassen. Sicher macht man mit Fussball viel Geld, aber es gibt wesentlich unschicklichere Arten, das zu tun. Dass Fussball ein Spiegelbild des Kapitalismus ist, Ausdruck einer Gesellschaft, in der beinahe alles zur Ware wird, wer mag es bestreiten und doch existiert da trotzig und unbelehrbar etwas, das will nicht Ökonomie studieren, sondern sich schlicht und einfach guten Fussball ansehen.

 

Fussball inspiriert, zum Ärger seiner VerächterInnen, die ihm gegenwärtig nirgends entkommen: hier nicht und in den Buchhandlungen nicht und in den Zeitschriften nicht und schon gar nicht im Fernsehen. Historikerinnen, Philosophen, Psychologen, Soziologinnen geraten allesamt ins Grübeln. Themen wie Gewalt, Fan-Kultur, Werbung, Erlebnis- und Freizeitgesellschaft, männliches Jagdverhalten u.v.m. – kaum etwas bleibt unerwähnt, kaum eine Zunft, die darin nicht etwas sieht, das von Bedeutung ist. Nur die TheologInnen schweigen sich bislang aus, obwohl's auch für sie ein gefundnes Fressen wär. Zivilreligion nennen es die SoziologInnen, was hier seine Bälle treibt. Angefangen bei den Pilgerreisen der Fans, über die liturgieartigen Choreographien auf den Tribünen mit ihren Sprechgesängen, Chören und Bewegungsritualen bis hin zu der Strukturierung der Zeit, die ihre Hoch-Feste als Meisterschaften, Cupfinals oder Weltmeisterschaften feiert. Fussball zeigt, was sonst nicht üblich: Züge ekstatischer Religiosität, jedoch im säkularen Gewand.

 

Fussball hat nicht nur pedale Aufgaben, sondern auch pädagogische. Nicht nur, dass die Spieler ab und zu politische Statements abgeben, kaum eine Lehrperson, die ihren Schulalltag nicht mit Fussballregel in den Griff zu bekommen versucht, gelbe und roten Karten verteilt und an das fussballerische Credo des Fair play appelliert, das wie jedes Credo leichter gesagt als getan ist. Bloss, dass das Fair play im Fernsehen schneller widerlegt wird, als im Schulzimmer, auch wenn sich die Männer auf dem Rasen oft nicht anders verhalten als die Jungs im Klassenzimmer: Hab ich was getan? Ich? Wo sehen sie bloss hin! Das Fernsehen vervielfältigt zwar in Zeitlupe jedes Foul durch Wiederholung, was jeder Spieler weiss, und doch wird die Unschuld gepflegt – treuherzig, trotzig. Beinahe köstlich, die Dummheit des Ganzen, bloss dass die Akteure etwas zu gross dafür geworden sind.

 

Auf dem Rasen regiert eben nicht die Pädagogik, sondern der Kampf. Frühzivilisierte Jagdinstinkte finden hier ein freies Feld, auf dem anstelle der Waffe der Ball und anstelle der Beute das Tor fungieren, schreibt Ludwig Hasler in der Weltwoche. Das klingt interessant: Kommerz trifft auf Archaisches, Individualismus auf Stammesverhalten, Tätlichkeiten auf innige Umarmungen und das alles durchaus mit erotischen Untertönen. Der Assoziationen gibt es viele und mannigfaltig sind die Sichtweisen, die es gibt, um der Magie des Fussballs auf die Spur zu kommen. Eine, die notgedrungen über das Ziel hinausschiesst, schlägt Ringelnatz vor, wenn er schreibt:

 

"Der Fussballwahn ist eine Krank-

Heit, aber selten, Gott sei Dank.

Ich kenne wen, der litt akut

An Fussballwahn und Fussballwut.

Sowie er einen Gegenstand

In Kugelform und ähnlich fand,

So trat er zu und stiess mit Kraft

Ihn in die bunte Nachbarschaft.

Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,

Ein Käse, Globus oder Igel,

Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,

Ein Kegelball, ein Kissen war,

Und wem der Gegenstand gehörte,

Das war etwas, das ihn nicht störte.

...

Kein Abwehrmittel wollte nützen,

Nicht Stacheldraht, nicht Stiefelspitzen,

Noch Puffer aussen angebracht.

Er siegte immer 0 zu 8.

...

Genug! Als alles dies getan,

griff unser Held zum Grössenwahn.

Schon schäkernd mit der U-Bootsmine –

Besann er sich auf die Lawine.

Doch als pompöser Fussballstösser

Fand er die Erde noch viel grösser.

Er rang mit mancherlei Problemen.

Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?

Dann schiffte er von dem Balkon

Sich ein in einem Luftballon.

Und blieb von da an in der Luft,

Verschollen. Hat sich selbst verpufft–"

 

Silvia Strahm Bernet

 

 

© Silvia Strahm 1998 / Kolumne NLZ